Hintergrund

In diesem Kapitel wird erklärt, was Open Access bedeutet und welche Entwicklungen dazu führten, dass sich Open-Access-Publikationsformen für wissenschaftliche Literatur überhaupt entwickeln konnten.

Paradigmenwandel

In den 1990er Jahren setzte im Markt für wissenschaftliche Informationen ein Paradigmenwandel ein. Das traditionelle Publikationsmodell, nach dem wissenschaftliche Erkenntnisse und Forschungsergebnisse überwiegend in kostenpflichtigen Fachzeitschriften veröffentlicht werden, wurde durch alternative Veröffentlichungsformen ergänzt bzw. teilweise verdrängt. Auf der Basis der neuen Kommunikationskanäle im Internet etablierten sich neue Formen des digitalen Publizierens. Unter dem Banner "Open Access" verfolgen sie das Ziel, wissenschaftliche Literatur ohne Zugangsbeschränkungen für alle Nutzer kostenfrei zugänglich zu machen. Open Access kommt insofern einem Paradigmenwechsel gleich, als nicht mehr die Nutzer für den Zugriff auf Wissen zahlen, sondern die Produzenten bzw. die Anbieter und Vermittler für die Kosten der gesamten Publikations- und Distributionskette aufkommen. [1]

Open Access wurde von führenden Wissenschaftlern lanciert und verlangt eine grundlegende Neuordnung der Wissenschaftskommunikation. Meilensteine auf dem Weg zu Open Access sind drei Abkommen: die Budapest Open Access Initiative der Soros-Stiftung (Februar 2002), das Bethesda Statement on Open Access Publishing (April 2003) und die Berlin Declaration on Open Access to Knowledge in the Sciences and Humanities (Oktober 2003). Im Text der Budapest Open Access Initiative (BOAI) wird Open Access 2001 wie folgt definiert:

"Frei zugänglich im Internet sollte all jene Literatur sein, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ohne Erwartung, hierfür bezahlt zu werden, veröffentlichen. Zu dieser Kategorie gehören zunächst Beiträge in Fachzeitschriften, die ein reguläres Peer-Review durchlaufen haben, aber auch z.B. Preprints, die (noch) nicht begutachtet wurden, und die online zur Verfügung gestellt werden sollen, um Kollegen und Kolleginnen über wichtige Forschungsergebnisse zu informieren bzw. deren Kommentare einzuholen. Open access meint, dass diese Literatur kostenfrei und öffentlich im Internet zugänglich sein sollte, so dass Interessierte die Volltexte lesen, herunterladen, kopieren, verteilen, drucken, in ihnen suchen, auf sie verweisen und sie auch sonst auf jede denkbare legale Weise benutzen können, ohne finanzielle, gesetzliche oder technische Barrieren jenseits von denen, die mit dem Internet-Zugang selbst verbunden sind. In allen Fragen des Wiederabdrucks und der Verteilung und in allen Fragen des Copyright überhaupt sollte die einzige Einschränkung darin bestehen, den jeweiligen Autorinnen und Autoren Kontrolle über ihre Arbeit zu belassen und deren Recht zu sichern, dass ihre Arbeit angemessen anerkannt und zitiert wird." [2]

 

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Zeitschriftenkrise

Ein wichtiger Treiber für die Open-Access-Bewegung war die so genannte Zeitschriftenkrise, die in den wissenschaftlichen Bibliotheken seit den 1970er Jahren diskutiert wurde. Bedingt durch die Verschiebung der Publikationstätigkeit von wissenschaftlichen Gesellschaften zu kommerziellen Verlagen sowie den Konzentrationsprozess im Verlagswesen kam es seit den 1960er Jahren im Bereich der wissenschaftlichen Fachzeitschriften zu erheblichen Preissteigerungen. Diesen konnten die Bibliotheken als wichtigste Abnehmer von Fachzeitschriften auf Grund von stagnierenden oder rückläufigen Erwerbsbudgets auf die Dauer nur mit der Kündigung von Abonnementen weniger häufig nachgefragter Titel begegnen. Die gängige Praxis der Verlage, bei rückläufigen Abonnementszahlen den Preis der betreffenden Zeitschrift zu erhöhen, führte zu einer Preisspirale. Zwischen Verlagen und Bibliotheken besteht dabei eine starke gegenseitige Abhängigkeit: 68-75% der Einkünfte der wissenschaftlichen Zeitschriftenverlage werden durch Bibliotheksabonnemente generiert [3].

Keller (2005) nennt zusammenfassend die folgenden Faktoren für die Zeitschriftenkrise:

  • Objektiv feststellbares – aber schwer messbares – Wachstum der publizierten Information weltweit, vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg. Als Gründe nennt Keller die Zunahme der Weltbevölkerung generell und der in der Wissenschaft tätigen Personen im Speziellen sowie Erleichterungen im Publikationsprozess;
  • Preisspirale, entstanden durch das Zusammenwirken eines starken Anstiegs der Abonnementspreise vor allem bei den naturwissenschaftlichen, technischen und medizinischen Zeitschriften (STM), dem dadurch ausgelösten Rückgang privater Abonnenten und der Eliminierung von Mehrfachabonnementen sowie Titelkündigungen bei den Bibliotheken, der Stagnation der Erwerbsbudgets und der fortschreitenden Kommerzialisierung sowie Konzentration des Verlagswesens durch Übernahmen und Fusionen.
  • Grenzen der Leistungsfähigkeit des etablierten Selektions- und Review-Prozesses durch die zunehmende Titelzahl und den Publikationsdruck führen zu Publikationsverzögerungen oder gar Missbrauch im Rahmen des Peer-Review-Verfahrens. [4]

Diese Entwicklung führte 1997 zur Gründung der Scholarly Publishing & Academic Resources Coalition SPARC. Im Zentrum der Diskussion stand dabei das mit öffentlichen Geldern finanzierte wissenschaftliche Wissen: Universitäten und Forschungseinrichtungen stellten sich die Frage, wieso sie ihre eigenen Forschungsresultate in Form von Zeitschriftenabonnementen teuer zurückkaufen mussten [4]. Auch die Bewertung von eingereichten Beiträgen im Rahmen des so genannten Peer-Review-Verfahrens wird von den Verlagen in der Regel nicht entgolten und fliesst als zusätzliche Leistung der öffentlichen Hand in den Publikationsprozess mit ein.

 

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