Bibliotheken im Netz

In diesem Kapitel wird beschrieben, in welchen Bereichen Bibliotheken erstmals Computertechnik einsetzten und wie sie mit der Verbreitung des Internet umgingen. Es werden weiter verschiedene digitale Angebote von Bibliotheken vorgestellt.

Die Zeit vor dem WWW

Bibliotheken begannen in den 1960er Jahren damit, Computertechnik für die Unterstützung und Rationali-sierung von Arbeitsprozessen einzusetzen. In erster Linie wurde sie in der Erwerbung, Katalogisierung, Autoritätskontrolle und der Produktion von Katalogkarten verwendet. Die amerikanische National Library of Medicine (NLM) begann damit, den „Index Medicus“ der biomedizinischen Literatur auf ein Computersystem zu übertragen: MEDLARS, der erste computerbasierte, retrospektive Suchdienst war ab 1964 einsatzfähig [10]. 1966 entwickelte die Library of Congress in den U.S.A. das Kommunikationsformat MARC (MAchine Readable Cataloging) für den Austausch von bibliografischen Aufnahmen. 1965 gründeten mehrere Universitäten im Staat Ohio das Ohio College Library Center (OCLC), um ein gemeinsames, computergestütztes Bibliotheksnetz aufzubauen. 1971 war das Netz soweit gediehen, dass die erste Bibliothek weltweit mit der Onlinekatalogisierung beginnen konnte.

MEDLARS gehörte zu den ersten öffentlich erhältlichen Datenbanken und ging 1971 als Medline (MEDLARS online) ins Netz. In den 1970er Jahren wurden mehrere der bibliothekarischen Supportsysteme online verfügbar, primär jedoch für interne Zwecke und nicht für den Auskunftsdienst [2]. Erst schrittweise entwickelten sich aus den bibliografischen Modulen Systeme, die auch für Nutzer zugänglich gemacht wurden. Der Online Public Access Catalog (OPAC) diente zunächst der Orientierung der Nutzer vor Ort, wurde mit fortschreitender Technik aber auch für externe Zugriffe geöffnet.

Der Aufbau von Netzen und Netzwerken beschäftigte die Bibliotheken in den 1980er Jahren [11]. 1990 entwickelte Peter Scott an der University of Saskatchewan, Kanada, HyTelnet, ein Verzeichnis von über Telnet erreichbaren Bibliothekskatalogen. Eine Archivseite vermittelt heute noch einen Eindruck vom Spektrum der Bibliothekskataloge, die vor dem Durchbruch des WWW über HyTelnet/Telnet erreichbar waren.


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Bibliotheken und das WWW

Als sich ab Mitte der 1990er Jahre das Internet dank dem WWW rasant verbreitete, gehörten die wissen-schaftlichen Bibliotheken zu den ersten Unternehmen, die über eine Homepage verfügten. Erste Webschnittstellen für Bibliothekskataloge entstanden um 1995. Das Austauschprotokoll Z39.50 ermöglichte den Aufbau von so genannten Metakatalogen: Suchoberflächen, welche die Abfrage von mehreren Bibliotheks-katalogen gleichzeitig ermöglichten. Der im deutschsprachigen Raum wohl bekannteste Vertreter, der Karlsruher Virtuelle Katalog KVK, wurde 1996 in das Webangebot der Universitätsbibliothek Karlsruhe aufgenommen.

Bibliotheken sind klassische Informationsvermittler: sie erwerben Publikationen auf dem Informationsmarkt und machen sie ihren Nutzern in möglichst übersichtlicher Form zugänglich. Heute stehen sie in Konkurrenz zu zahlreichen Informationsproduzenten, die ihre Publikationen direkt ins Internet stellen. Ein Problem der Bibliotheksbestände und -kataloge ist, dass sie zum so genannten Deep Web gehören und damit für Suchmaschinen in der Regel unsichtbar sind.

Mit dem wachsenden Besitz von digitalen Volltexten stellt sich aber auch die Frage der Erschliessung neu. Zwar konnten technische Neuerungen wie der Zugriff auf Datenbanken, Zeitschriften und E-Books über Linking Server/SFX oder die Anreicherung bibliografischer Datensätze mit Inhaltsverzeichnissen, Abstracts oder Volltexten Erleichterung verschaffen, doch bleibt die Recherchesituation in heterogenen Datenbeständen unbefriedigend. Der Trend geht deshalb in Richtung webbasierte Suchoberflächen (web-based discovery interfaces) über immer grössere Bestände, die autorisierten Nutzerinnen und Nutzern den Zugriff auf die Volltexte ermöglichen.


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Digitale Angebote

In den 1990er Jahren und im angebrochenen Jahrtausend bauten die wissenschaftlichen Bibliotheken ihre digitalen Angebote in verschiedene Richtungen aus:

  • Auf der Basis der Bibliothekswebseiten entstanden Fachportale, die auf einschlägige Informationen anderer Anbieter hinweisen.
  • Die Fachdatenbanken, die Bibliotheken seit den 1980er Jahren im Angebot hatten, wurden schrittweise für den direkten Zugriff durch die Nutzer freigeschaltet.
  • Die gedruckten Zeitschriften wurden sukzessive durch die elektronischen Parallelausgaben ergänzt, zum Teil werden die gedruckten Abonnemente heute zugunsten von „e-only“ aufgegeben.
  • Bibliotheken engagierten sich früh für die elektronische Publikation und Archivierung von Dissertationen und Hochschulschriften und sind heute massgeblich an der Einrichtung und am Unterhalt von Dokumenten-servern beteiligt.
  • Bibliotheken begannen mit der Retrodigitalisierung eigener Bestände, auf eigene Rechnung oder in Koopera-tionsprojekten. Eine herausragende und zum Teil umstrittene Rolle nimmt hier die Firma Google ein: die Digitalisierung grosser Bibliotheksbestände im Rahmen des Projekts Google Books ist mit dem Verzicht auf Distributionsrechte verbunden.
  • Als jüngste Gattung fand das E-Book Eingang in die Bibliotheksbestände.


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