Einsatzbereich und Eignung

In diesem Kapitel werden die Stärken und Schwächen von wissenschaftlichen Suchmaschinen im Vergleich mit anderen Suchdiensten aufgezeigt.

Positive Aspekte

Wissenschaftliche Suchmaschinen können als Ansatz bezeichnet werden, die Technik universeller Suchmaschinen für eine niederschwellige Suche nach wissenschaftlichen Inhalten im Internet nutzbar zu machen.

Im Vergleich zu universellen Suchmaschinen, kommerziellen Datenbanken oder konventionellen Bibliothekskatalogen kann die Verwendung wissenschaftlicher Suchmaschinen bei der Recherche einige Vorteile bringen:

 

Vorteile gegenüber universellen Suchmaschinen

  • Die Trefferlisten wissenschaftlicher Suchmaschinen verweisen auf Inhalte, die als wissenschaftlich relevant eingestuft werden.
  • Einige wissenschaftlichen Suchmaschinen fokussieren auf bestimmte Disziplinen (z. B. SearchMedica, CiteSeerX).
  • Durch die Schaffung von Schnittstellen mit Dokumentenservern und Vereinbarungen und Partnerschaften mit Verlagen werten wissenschaftliche Suchmaschinen Teile des Academic Invisible Web aus. Einige wissenschaftliche Suchmaschinen sind Eigenprodukte von Verlagen (z. B. Scirus, welche allerdings seit Anfang 2014 nicht mehr verfügbar ist).
  • Wissenschaftliche Suchmaschinen berücksichtigen bei der Dokumentenauswahl und beim Ranking der Treffer Daten, die in der Wissenschaftskommunikation besonders relevant sind: die Anzahl Zitierungen eines Dokuments, verschiedene Versionen eines Dokuments oder die Verfasserdaten (z.B. GoogleScholar, CiteSeerX).
  • Gegenüber universellen Suchmaschinen ist die Darstellung der Treffer teilweise besser ausgebaut (z. B. Tags in SearchMedica).
  • Einige wissenschaftliche Suchmaschinen bieten über einen Nutzeraccount persönliche Dienste wie Alerts oder Newsfeeds an.

 

Vorteile gegenüber kommerziellen Datenbanken oder Suchportalen

  • Wissenschaftliche Suchmaschinen werten die wissenschaftlichen Objekte der zahlreichen Dokumentenserver aus, die im Zuge der Open-Access-Initiative entstanden sind.
  • Wissenschaftliche Suchmaschinen erschliessen viele kostenlose Dokumente und Objekte. Das Verhältnis zwischen kostenlosen und lizenzpflichtigen Treffern variiert allerdings, je nach Suchmaschine.
  • Dass in den Trefferlisten auch lizenzpflichtige Dokumente erscheinen, kann auch als Vorteil betrachtet werden: die wissenschaftlichen Suchmaschinen machen damit das Spektrum der zu einer Suchanfrage erhältlichen Literatur besser sichtbar, auch für Personen, die keinen direkten Zugang zu diesen Quellen haben. Für Nutzer, die mit einer Lizenz recherchieren, bilden sie eine Brücke zwischen wissenschaftlichen Inhalten im Netz und in den Datenbanken.

 

Vorteile gegenüber konventionellen Bibliothekskatalogen

  • Analog zur Funktionsweise universeller Suchmaschinen geben wissenschaftliche Suchmaschinen schnell und kostengünstig Zugriff auf wissenschaftliche Volltexte.
  • Ebenso erschliessen wissenschaftliche Suchmaschinen überwiegend nicht Bücher, sondern wissenschaftliche Artikel und andere Webinhalte auf Beitragsstufe.

Negative Aspekte

Der Vorteil einer niederschwelligen, breiten Suche hat ihren Preis. Im folgenden Kontext sind die Suchresultate wissenschaftlicher Suchmaschinen kritisch zu beurteilen:

"Wissenschaftssuchmaschinen stellen einen interessanten Ansatz dar, die Suche nach wissenschaftlichen Dokumenten in Form von Websuchmaschinen umzusetzen. Die Tauglichkeit für die Zielgruppe ist derzeit aber deutlich eingeschränkt. Die Suchoptionen sind gerade im Vergleich zu Fachdatenbanken bzw. den Rechercheoptionen bei Online-Hosts eher marginal. Insbesondere ist es nur begrenzt möglich, Suchanfragen weiter zu verarbeiten bzw. mit Hilfe einer Suchhistorie unterschiedliche Anfragen komplex miteinander zu verknüpfen.

Auch hinsichtlich der Abdeckung stellen Wissenschaftssuchmaschinen derzeit keine Alternative zu bibliografischen Datenbanken dar. Wissenschaftssuchmaschinen eignen sich deshalb für eher explorative Kontexte, bei denen die Vollständigkeit und Genauigkeit der Suche von untergeordneter Bedeutung ist – beides ist typischerweise bei der Suche nach wissenschaftlicher Literatur nicht der Fall. Ebenso wie Websuchmaschinen stellen sie auch eine Möglichkeit dar, um schnell und kostengünstig an die Volltexte wissenschaftlicher Artikel zu gelangen. Als Alternative zu den thematisch unspezifischen Wissenschaftssuchmaschinen wie Google Scholar bietet sich im deutschsprachigen Raum das von den überregionalen Fachinformationseinrichtungen und wissenschaftlichen Bibliotheken getragene Wissenschaftsportal Vascoda an. Dort können unter einer einheitlichen Oberfläche wahlweise fachspezifisch oder interdisziplinär Inhalte gesucht werden“.[6, S. 33]

In Bezug auf die Inhaltsqualität ist bei einigen wissenschaftlichen Suchmaschinen die Erfassung unterschiedlicher Texttypen kritisch zu sehen. So werden bei Google Scholar sowohl Zeitschriftenaufsätze, die einen Review-Prozess durchlaufen haben, als auch Konferenzberichte, Preprints, Postprints, Reports, und ähnliches erfasst. Selbst Seminararbeiten, deren wissenschaftliche Qualität angezweifelt werden kann, werden nachgewiesen. Da diese unterschiedlichen Dokumentenarten in den Ergebnislisten gemischt präsentiert werden, ist für Anwender oft nicht klar erkennbar, welchen Qualitätsstandards die gefundenen Informationen genügen. [7, S. 75]

Da wissenschaftliche Suchmaschinen heterogene Datenbestände erschliessen, stossen sie bei der Verarbeitung von Metadaten an Grenzen und weisen Mängel auf. Selbst bei Angeboten, deren Metadaten immer in der gleichen Form präsentiert werden und die in hohem Masse erschlossen werden, präsentiert z.B. Google Scholar (etwa für ACM Portal) oftmals falsche Autorennamen und/oder Zeitschriftentitel. Die Metadaten der Datenanbieter werden nicht übernommen, auch werden keine linguistischen Verfahren angewendet, um die Erschliessung zu verbessern [7, S. 75]. In einigen wissenschaftlichen Suchmaschinen sind Suchanfragen mit Booleschen Operatoren möglich, werden aber teilweise nicht fehlerfrei verarbeitet [8, S.17].

Unter diesen Aspekten sind wissenschaftliche Suchmaschinen je nach Hintergrund der Recherche als explorative, approximative oder komplementäre Recherchewerkzeuge zu bezeichnen. Ihr Low-Barrier-Ansatz unterstützt den direkten Zugriff auf eine grosse Bandbreite an wissenschaftlichen Inhalten im Web. Den Anforderungen an eine umfassende wissenschaftliche Recherche in Bezug auf Vollständigkeit und Genauigkeit können sie jedoch nicht genügen. Wissenschaftliche Suchmaschinen sind deshalb mit Bedacht einzusetzen.